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Titelbild

DER WEISSMALER

Eine obsessive Reise ins Innere

Text: Witek Danielczok
Mit: Witek Danielczok, Darek Ziaja

Szenische Lesung am 23. Januar 2008
in der ROTTSTR 5 Galerie, Bochum

Der Weißmaler ist ein Monolog, der vom obsessiven Umgang mit dem Buchstaben R handelt. Von der allgegenwärtigen Präsenz des R im Leben eines Emigranten aus dem Osten. Von Demokratie und Würde, von Leitern und Schreibtischen, von Demonstrationen und Schopenhauer. Und von Bildern, schönen Bildern, schmutzigen Bildern, seltsamen Bildern. Von Bildern im Kopf und Bildern an der Wand.



Silverlight Version Rss Aus dem Text:

Du gibst mir Sicherheit. Bist eine gute weiße Wand. Ich rolle dich weiß, sozusagen in deiner eigenen Sprache. Bald werden wir eins. Vereint in Zärtlichkeit und Arbeit, zusammengewachsen. Wie Pflug und Bauer. Schopenhauer. Der alte gute, er war nie ein Maler, der Philosophen las und Zugführer werden wollte. Stand nie auf einer Leiter. Sprach von kahlen öden Landschaften, die förderlich sein sollen dem Gefühl der Erhabenheit, der Kontemplation, der geistigen Vereinigung des Anschauenden mit dem Angeschauten. Stand nie auf einer Leiter. Hätte er bloß diese große, makellos weiße Wand anschauen können! Mit diesen kleinen, winzigen Schmutzkörnchen darauf, die nur aus nächster Nähe zu sehen sind, und mit dieser kleinen Kritzelei weit unten am Rand. Stünde er nur jemals in dieser Höhe, wüsste er gleich, dass nichts so die Erhabenheit fördert wie eine ungeschützte wackelige Leiter. Man stelle sich auf eine wackelige Leiter vor einer weißen Wand, tauche – Plums – die Rolle in weiße Farbe im Eimer und erhebe sie gegen die Wand. Ein zärtliches – Klatsch – und da hat man schon den Reiter, den Akrobaten, den Seiltänzer, den Säulenheiligen, den Weißmaler, das erhabene Tier. Man ist fertig und auserkoren. Beugt sich – Plums – die Farbe und richtet sich auf. Wer möchte ein paar? Man verteilt kleine weiße Tröpfchen. Verabreicht Erhabenheit. Schaut sich um, runter auf die Straße, den Bürgersteig, und pickt sich Menschen heraus. Man ist ein Hahn, ein übergroßer, ein Hahn auf dem Kirchturm, der über alles wacht. Er pickt sich Menschen heraus. Möchten Sie vielleicht? Beugt sich und richtet sich auf. Er schaut sich um und hat den Stiel nicht dabei. Schreibt am liebsten Briefe. Lieber Herr, ein weißer Tropfen auf Ihre bleiche Haut bringt sie wieder zum Erröten. Er richtet sich auf. Liebe Frau in ihrem Cabrio! Sie werden gesehen. Ihre halboffenen halbentblößten Beine, die die Zukunft hüten, die Erde und einen warmen Wasserstrahl, sie werden gesehen. Es ist ein Hahn, ein Leiterreiter, der Ihnen Heiligkeit anbietet. Sie könnten seine Magdalena sein. Mit einem einzigen weißen Fleck ist es getan.