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Titelbild

ERWECKUNGSBOTSCHAFT

Ein Lied der Schlafenden

Text, Inszenierung: Witek Danielczok
Schauspiel: Sandra Kornmeier, Sebastian Schröer,
Maria Wolf, Darek Ziaja
Gesang: Maike Berger, Jens Hahne
Musik: Witek Danielczok, Jonas Vogelsang

Dauer: ca. 40 Minuten

Uraufführung am 21. Mai 2009
in der ROTTSTR 5 Galerie, Bochum

Erweckungsbotschaft ist ein Schlafmonolog für zwei Stimmen, in dem der Autor einen kühnen Strich von der griechischen Mythologie bis in die amerikanische Prärie zieht. Stimmen lassen schemenhaft Personen aufscheinen. Von der Einsamkeit unter vielen erzählen Ihre Gesichter und Geschichten. Blind sind ihre Beobachter und lassen uns, die Schlafenden, durch ihre Augen sehen. Ein antiker Klagegesang, eine Musik zum Schlafen schön und zum Aufwachen schräg. Stimmen von ganz unten aus der Kanalisation bis in die obersten Wipfel der Bäume.


Silverlight Version Rss Aus dem Text:

Doch ihr wisst wie es ist
Der Spiegel die Quelle aus der der Mensch sein Lebenswasser schöpft
Und wer es nicht weiß
Der schaut sich die Liegenden an
Der schaut sich die Siechenden an
Der schaut sich die todkranken Menschen im Krankenhaus an
Wie manche von ihnen
Im letzen Bemühen
den Tod aufzuhalten
Nach einem Spiegel verlangen
Und wie manche von ihnen
Das Leben aufgebend
Den Blick in den Spiegel verweigern
Denn es ist wie es ist
Der Spiegel die Quelle aus der der Mensch sein Lebenswasser trinkt
Versiegt aber die Quelle
So kommt die Finsternis
Das Leben wird zur Hölle aus
Aufgedunsenen Bäuchen aus
Ärmchen so dünn wie das Papier aus
Augen so weit und leer wie die Wüste
Eine winzige Scherbe
Ein kleines Stück Spiegel
Ein Lichtlein eures mit Spiegellicht vollgetränkten Selbstbewusstseins
Würde genügen
Um diesen Menschen Würde zu geben
Sie aufzurichten
So fahret hin zu ihnen mit euren Spiegeln
So fahret hin
Und nehmt alle möglichen mit
Nehmt die aus den Toiletten
Nehmt die aus den Umkleidekabinen
Aus den Kaufhausvitrinen
Nehmt die Rückspiegel der Autos
Die Rasierspiegel
Die Endoskopenspiegel
Die Scheinwerferspiegel
Die Laserspiegel
Die Jahrmarktspiegel
Die Spiegel der Teleskope
Werft ein die Spiegelfenster der großen Häuser
Der Bankhäuser der Firmenhäuser der Regierungshäuser
Zertrümmert sie – Scherben genügen
Jede Scherbe eine Menschenwürde
Nehmt Säcke voller Scherben mit
Und fahret hin fahret hin fahret hin
Fahret hin mit euren blinzelnden Fingernägeln
Über meine schlafende Stirn

PRESSE ÜBER ERWECKUNGSBOTSCHAFT:


HYPNOTISCHER RAUSCH IN WORT UND KLANG

Gitarrenklänge hallen durch den Raum, brechen sich an der steinernen Gewölbedecke, fallen herab auf die Zuschauer. Eine einsame Stehlampe spendet diffuses Dämmerlicht. Die ersten, zaghaften Worte tasten sich durch die Musik: ''Leute, und ihr Kinder vor allem, ich schlafe''.

Witek Danielczoks ''Erweckungsbotschaft'' reißt die Zuschauer aus der Wirklichkeit heraus, zieht sie immer tiefer hinab in einen skurrilen Traum. Am Donnerstag feierte die außergewöhnliche Produktion des Zeitmaul Theaters in der Galerie Rottstr 5 Premiere.

Auf der Bühne zwei Frauen in Abendgarderobe. Schwarze Augenbinden nehmen Ihnen die Identität. Im Hintergrund liegt der Schlafende, die eigentliche Hauptfigur. Die Frauen sind nur Stimmen seiner Träume. Sie holen die Bilder aus seinem Kopf und werfen sie dem Publikum vor: Ratten in der Kanalisation, ein Zyklop in der Steppe, eine Flaschensammlerin in der Stadt – ''sie war hübsch und bleich und tot''.

Wirre Gedankenfetzen, Alltagsbeobachtungen und mythische Fragmente reihen sich aneinander – mal als Monolog, mal als mehrstimmiger Sprechkanon. Das ganze erinnert entfernt an ''Kubla Khan'', das im Opiumrausch geschaffene, träumerisch-visionäre Gedicht des englischen Romantikers Samuel Tyler Coleridge. Wie das Gedicht erklärt sich auch die ''Erweckungsbotschaft'' nicht selbst – die Zuschauer müssen die Bilder mit Bedeutung füllen, müssen die eigentliche Botschaft entschlüsseln.

Auf weißen Leinwänden links und rechts der Bühne erscheinen immer wieder zwei Schatten. Mit beeindruckendem Gesang – irgendwo zwischen Blues, Pop und indianischem Kriegstanz – untermalen sie die Traumsequenzen. Musik und Stimmen verschmelzen zu einem geradezu hypnotischen Rausch. Unerbittlich treiben die Gitarren, treiben in den Wahnsinn. Die Schatten brabbeln wirr, keuchen wie tollwütige Tiere, schreien sich in Rage. Dann: Stille.

Nach nur 40 Minuten ist der träumerische Wahn zu Ende. Langsam kehren die Zuschauer in die Realität zurück und spenden begeisterten Applaus. Ein beeindruckendes Stück.

Daniel Glade, Ruhr Nachrichten, 23. Mai 2009