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Titelbild

BOTSCHAFT ZM

Eine Zeitlosigkeit in schwarz und weiß

Text, Inszenierung: Witek Danielczok
Schauspiel: Udo Höppner, Sandra Kornmeier, Sebastian Schröer, Karoline Thomas, Darek Ziaja
Gesang: Maike Berger, Jens Hahne
Choreographie, Tanz: Darek Ziaja
Musik: Witek Danielczok, Jonas Vogelsang

Dauer: ca. 60 Minuten

Uraufführung am 26. September 2008
in der ROTTSTR 5 Galerie, Bochum

Gastspiel am 1. Mai 2009
im FFT Düsseldorf

Botschaft ZM ist ein Monolog für mehrere Stimmen, der das Ringen des modernen Menschen um die Rückkehr zur ursprünglich allen Lebewesen gemeinsamen Grundhaltung des Seins beschreibt. Im Inneren eines schwarzen Raumes konfrontieren weiße Gesichter die Zuschauer mit einer Welt, in der die Zeit nicht mehr messbar ist. Beunruhigende Gitarrenmelodien begegnen archaischen Gesängen und erschaffen eine surreale Atmosphäre. Botschaft ZM ist eine Parabel über die Zeit.



Silverlight Version Rss Aus dem Text:

Der Bucklige ging zum Bahnhof. Er hatte nicht weit. Noch immer war es halbdunkel. Schon die Treppe hinaufsteigend, kam mir etwas seltsam vor. Es lag etwas in der Luft. Zunächst dachte ich, es sei ein schwerer Güterzug, der sich da langsam vorbeiwälzte und solch seltsame Geräusche von sich gab. Doch als ich den Bahnsteig erreichte, wurde alles anders. Welch ein Licht: der gelbe Schein der Lampen, das noch tiefe Blau des aufbrechenden Tages. Es war genau der Moment, wo Tag und Nacht auseinander flossen. Und genau da standet ihr, genauso wie ich überwältigt, erstarrt in der selben Erkenntnis, denn wir wussten alle, was hier in diesem Augenblick geschah: Wir standen mitten im Ozean. Die dunkelblaue Kuppel von unermesslicher Tiefe, der gelbliche Schein der Korallen, die kühlwarme luftlose Luft – mitten im Ozean. Und das, was sich an uns vorbeiwälzte, war ein Wal. Ein schön geschwungener, ein wunderbar gekrümmter Wal. Er schwamm gemächlich an uns vorbei und sang sein Lied. Das war so erhaben, dass manche von euch ihre Köpfe in die Hände nahmen und ihr Nacken krümmte sich tief. Ich aber konnte nicht anders, ich musste es tun. Ich tanzte, zwischen euch Sehenden, ich tanzte den Tanz der Krummen.

PRESSE ÜBER BOTSCHAFT ZM:


IM MAUL DER ZEIT

Viel Aktivität ist in der Galerie Rottstr 5 zu verzeichnen. Zu Veranstaltungen wie Lesungen oder Konzerten, die regelmäßig stattfinden, gesellt sich jetzt ein hochpoetisches Theaterstück. Regisseur Witek Danielczok hat ''Botschaft ZM'', einen Monolog für mehrere Stimmen, auch geschrieben. Das Werk thematisiert traumartig den Menschen als verletztes Wesen in einer immer unverständlicheren Zivilisation.

Die Zuschauer sitzen vor einem halbrunden Vorhang. Im Halbdunkel – beleuchtet von einzelnen Strahlern – tauchen Gesichter im Vorhang auf. Es gibt insgesamt fünf Sprecher. Sie wirken maskenhaft – und wenn sie erzählen, scheinen sie sich zu quälen: erstaunte, verunsicherte Wesen. Die Köpfe sagen Dinge wie ''Krümmt man lange genug den Rücken, so kommt der Schmerz''. Es geht um Existenzielles, um Wahrnehmungen, das macht dieses Stück so schön, so wertvoll – vor allem wird die Zeit thematisiert.

''Botschaft ZM'' – hinter der Abkürzung steckt das Wort Zeitmaul. Für die fünf Figuren, die über sie reden, scheint die Zeit nicht mehr messbar. ''Die Zeitlinie wird krumm wie der krumme Rücken'', klagen diese Einheitswesen. Sie tun das mit geschlossenen Augen oder verzerrten Minen – so, als könnten sie die Zivilisation kaum mehr ertragen. Oft werden die Monologe, die von den guten Darstellern chorisch gesprochen werden, von Stücken zweier Gitarristen begleitet. Anklänge von spanischer Folklore, von Jazzphrasierungen sind zu hören. Archaische Gesänge von Männern und Frauen dringen aus verschiedenen Ecken des Raumes.

Alles wirkt surreal und dafür umso mehr fühlbar. ''Lasst nicht zu, dass euch irgendwelche Augen ansehen. Ergreift Maßnahen, die all das verhindern'', orakeln die Wesen. Am Ende berichten sie die Geschichte von dem Atemzug, der sich selbst zum Letzten ernannte. Erst mit ihm sei der Höhepunkt der Zivilisation erreicht. Wer mit offenen Augen die Welt betrachtet, könnte diesen Eindruck zeitweise teilen.

Jörg Kolesza, WAZ, 5. Oktober 2008